1/3

Kirchenorgeln im Westerwald

Teil 1
  Von Alsbach bis Hachenburg

Der Autor: Hans-Dieter Weisel, Ransbach-Baumbach

Vorwort

Die Orgel (griechisch organon, lateinisch organum, zu deutsch Werkzeug) hat vieles mit den Menschen gemeinsam. Beide brauchen Luft, beide haben Stimmen, ja man versuchte sogar, in der Orgel die menschliche Stimme als VOX HUMANA nachzuahmen. Beide, Mensch und Orgel zeigen ein Angesicht, ein Prospekt. Mensch und Orgel sind Werke eines Schöpfers, Produkte einer Evolution, deren Beginn zum Teil im dunklen der Geschichte verborgen liegt.

Vorläufer der Orgel tauchten in Alexandria im dritten Jahrhundert vor Christi Geburt auf. Schnell breitete sich die Orgel von Kleinasien über Griechenland in das damalige römische Reich aus. Erst Anfang dieses Jahrtausends fand die Orgel Eingang in die Liturgie der Kirche. Das Mailänder Konzil 1287 bestimmte die Orgel zum einzigen Kircheninstrument für den Gottesdienst. Ab jetzt ließen viele große Kirchen Europas Orgeln um die Wette bauen. Mit dem Einzug in die Kirche wuchsen auch die Ansprüche: sie wurde reicher und größer, hatte einen festen Standort und damit trat das architektonische Gestaltungselement hinzu.

In nur wenigen Jahrhunderten wuchs die Orgel zur heutigen Königin der Instrumente'. Genannt wird die Orgel auch "Ancilla Domini" - "Magd des Herrn", denn sie steht ganz im Dienst des Herrn. Mit der Säkularisation 1802 kam der Kirchenbau und damit der Orgelbau ganz zum Erliegen.

Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert gingen die Klangideale der klassischen Orgel völlig verloren. Es entstanden romantische Orchesterorgeln, die allermeist nur noch dem Effekt dienten. Unter anderem durch Albert Schweitzer kam es zu einer Rückbesinnung - einer Gegenbewegung zum fabrikmäßigen Orgelbau. Schweitzer hat bei seinen Konzerten in Europa das Geld für seine Missionsstation gesammelt. Denken wir an Karl May, der als Kind zehn Jahre Orgelunterricht bekam, bei seiner Ausbildung zum Doppelamt Lehrer/Organist sein Examen mit gut' bestand (1861), dann bei seinen Aufenthalten im Gefängnis als Organist tätig war, und später dieses Orgelspiel als Therapeutikum ansah, bei dem er wieder zu sich zurückgefunden hat.
 

Die Jahrhundertwende

Diese Zeit war geprägt durch den pneumatischen Orgelbau, anders ausgedruckt: Die Steuerung der Orgel mittels Luftdruck, was bekanntlich bei der kleinsten Undichtigkeit zu Fehlern führte. Solche Orgeln haben einen enormen Bedarf an Wartung, was bei den knappen Geldbeuteln der Gemeinden kaum noch tragbar ist. Weiterhin ist diese Zeit (ca. 1840-1910) geprägt durch das romantische Klangideal. Die Orgel sollte möglichst den Orchesterklang simulieren, von dem hellen silbrigen Klang der Barockzeit wollte man nicht mehr viel wissen.
 

Die Orgel in den Weltkriegen

Da im Krieg besonders die Materialknappheit das Vorankommen behinderte, hat man kurzerhand beschloßen, die Orgelpfeifen des Prospekts, also die Pfeifen aus der ersten Reihe, einzuziehen. Dies geschah während des Ersten aber auch während des Zweiten Weltkrieges. Mancher Pfarrer oder Orgelfreund hat bitter gekämpft, damit seiner Orgel die Pfeifen erhalten blieben, oftmals aber ohne Erfolg. Bei wenigen Orgeln hatte man ein Einsehen, weil die Orgel historisch wertvoll war. In den Nachkriegsjahren wurden dann die Pfeifen durch billige Zink-Nachbildungen ersetzt, Zinn war Mangelware. Es gibt auch heute noch manche Orgeln, wo die Pfeifen seit dem Zweiten Weltkrieg fehlen.
 

Die Heldenorgel

1931 wurde in Kufstein auf der Festung die sogenannte Heldenorgel von Orgelbauer Walcker aus Ludwigsburg gebaut. Diese Orgel ist heute noch erhalten. Die Orgel steht teilweise im Freien, was dazu dienen sollte, daß man ihr Spiel in weiter Entfernung hören sollte. Man hat den Winddruck der Orgel so erhöht, daß an manchen Tagen die Orgel 13 km weit zu hören ist.
 

Nürnberger Kongresshalle 1936

In der Festschrift zur Einweihung der Orgel anläßlich des Reichsparteitages in Nürnberg steht geschrieben: "Die Urgewalt des Orgelklangs wird so gestaltet, daß sie nicht nur durch künstliche Finessen einzelne Zuhörer interessiert, sondern dem Sinn des Reichsparteitages entsprechend aktive Mithelferin wird bei der mächtigsten aller Jahreskundgebungen des Dritten Reiches."

Viele Versuche, die Orgel zu ersetzen, sind gescheitert, da dieses Instrument so charakterstark ist, das es eigentlich keinen Ersatz gibt. Selbst das Zweite Vatikanische Konzil hat die Aufgabe der Orgel innerhalb der Liturgie noch mal besonders herausgestellt. Zitat des II. Vat. Konzils: "Die Pfeifenorgel soll in der lateinischen Kirche als traditionelles Musikinstrument in hohen Ehren gehalten werden, denn ihr Klang vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern und die Herzen der Gläubigen mächtig zu Gott und zum Himmel emporheben."

Allen menschlichen Empfindungen Freude, Trauer, Heiterkeit, Ernst, Glück, Schmerz und Leid - vermag sie Ausdruck zu geben. Heute kann man feststellen, daß viele Orgelbauer nach einer Rückbesinnung auf den traditionellen handwerklichen Orgelbau ihre Instrumente konsequent nach den Prinzipien des klassischen Orgelbaus in Verbindung mit modernen Erkenntnissen bauen.

zurück

weiter

Seitenanfang